Testoffensive: Janome MC 6700P – Erster Eindruck von Ulrike Reich

Ich heiße Ulrike Reich, bin 47 Jahre alt und quilte seit etwas mehr als 15 Jahren. 2006 habe ich mir beim Nähpark Diermeier eine Janome Memory Craft 6600P gekauft und seitdem mehr als 100 Quilts, einige Taschen, Wandbehänge und kleinere Accessoires produziert. Einmal im Jahr bringe ich die Maschine zur Generalüberholung, so dass sie auch noch nach 12 Jahren problemlos arbeitet: saubere Stiche, weder Aussetzer noch Fadenprobleme oder sonstigen Ärger. Nur optisch haben die Zeit und die vielen Quilts ihre Spuren hinterlassen - in Form von ein paar Kratzern in der Oberfläche der Maschine. Eigentlich brauche ich also gar keine neue Maschine.

Doch vor einem Jahr hat mich der “Ich-brauche-unbedingt-eine-neue-Nähmaschine”-Virus befallen und ich habe mir spontan eine Janome Horizon MC 8900 QCP gekauft - und bin damit sehr unglücklich! Irgendwie wurden die Maschine und ich nicht warm miteinander. Deshalb steht sie nach einigen Nähversuchen ungenutzt in meinem Nähzimmer und ich nähe weiterhin auf meinem alten und bewährten “Goldstück”, der Janome MC 6600P.

Deshalb bin ich sehr froh, dass ich nun über die Test-Offensive die Gelegenheit habe, die Nachfolgerin meiner treuen Begleiterin erst mal testen zu können, bevor ich einen weiteren Fehlkauf tätige. Sehr schön ist auch, dass ich viele Dinge im direkten Vergleich mit der Janome MC 6600P testen kann um zu erfahren, ob die Nachfolgerin das viele Geld wert ist.

“Unboxing”, oder aber “das spannende Auspacken"

Geliefert wird die Maschine in einem großen, schweren Karton. Ich hatte mir das Paket zu meiner Postfiliale liefern lassen, da tagsüber niemand in unserem Haus daheim ist. Also hatte ich eine extra “Fitness-Stunde”, um das Paket erst vor der Post in mein Auto und dann daheim vom Auto in meine Wohnung im Dachgeschoss zu wuchten. Da sage noch einer, Nähen hält nicht fit. 🙂

Mein Karton hatte auf dem Weg zu mir ein paar leichte Transportschäden erlitten. Auf so einem Postauto ist es halt oft eng und es gibt Dellen. Aber - die Maschine war sehr gut verpackt und hat keinen Schaden genommen.
Auf diesem Bild  sieht man den Anblick, der sich einem nach Öffnen des Kartons bietet. Viel Styropor, jede Ecke und Mulde wird clever für das extrem umfangreiche Zubehör (siehe Punkt “Zubehör”) genutzt.
Nach zirka einer halben Stunde hatte ich das Verpackungsmaterial entfernt und den gesamten Inhalt des Kartons auf meinem Tisch ausgebreitet.

Das Gewicht

Ich wusste ja schon von meiner alten Maschine, dass die Janome kein “Fliegengewicht” ist. 11 Kilogramm gibt der Hersteller an. Der Hauptgrund für das Gewicht ist der Metallkörper der Maschine, der aus Vollaluminium-Guss besteht. Es ist also keine Maschine, mit der man mal eben von Workshop zu Workshop oder Nähevent zu Nähevent springen kann. (Es sei denn, man steht auf Kraftsport). Die Maschine braucht entweder einen festen Arbeitsplatz oder kurze Wege zwischen Abstellplatz und Nähtisch. Aus Erfahrung weiß ich allerdings, dass sich das Gewicht bezahlt macht: Die Maschine “springt” und “zappelt” nicht beim Nähen und man kann problemlos große Bettquilts  (die sind meine Spezialität) bearbeiten ohne dass man die Maschine befestigen muss.  Die Maschine ist also extrem robust.

Zubehör

Tschja… in Bezug auf das Zubehör fehlen mir die Worte. “Umfangreich” trifft es nicht wirklich. Ich würde es als “fast komplett” für die Ansprüche einer Quilterin bezeichnen . Wenn ich etwas vermisse, dann ist es ein Teflon-Fuß, da ich ab und zu Leder verarbeite, und dabei macht sich dieser Fuss durchaus bezahlt Wie auf dem Bild 4 zu sehen ist, gibt es eine Zubehörkiste und dort haben ca. 16 Füßchen Platz, Garnrollenhalter, ein kleiner Schraubenzieher und sonstiges Kleinzeugs.
Die drei Stichplatten sind der pure Luxus! Vor allen Dingen die “High Performance”-Stichplatte klingt interessant, angeblich kann man damit und dem passenden (im Lieferumfang enthaltenen Nähfuss) fast wie industriell Teile mit Grad-Stich zusammennehmen. Das werde ich später noch testen.
Eine große Verbesserung zum Vorgängermodell - der Schnellwechselmodus der Stichplatten per “Daumendruck”: Man muss nur eine “Taste” drücken und schon springt die Platte aus ihrer Halterung und kann durch eine andere ersetzt werden, die Maschine erinnert mit einem entsprechenden Hinweis an den richtigen Nähfuß, siehe Bilder 5a, 5b und 5c. Im Vorgängermodell musste man umständlich schrauben. Was eine ziemliche Fummelei war.
Mit der Schnellwechselfunktion denke ich, wird man die Maschine auch schneller von Flusen befreien. Der Modus trägt sozusagen zur “Lebensverlängerung” der Maschine bei. 🙂 Ein dickes Plus also für dieses Feature.

Ebenfalls nicht vermissen möchte ich den Kniehebel-Nähfußllifter und den aufklappbaren Garnständer. So kann man wunderbar professionell arbeiten.

Für mich das Highlight - der gigantisch große Anschiebetisch. Die Füßchen sind clever angebracht: es ist kein umständliches Anschrauben notwendig wie bei anderen Maschinen.

Einfach die Füßchen an der Unterseite des Tisches hochklappen, den Tisch an die Maschine ranschieben, ggfls. die Höhe der Füßchen korrigieren und fertig, siehe Bilder 6a und 6b. Sehr schön und doch leider nicht Standard: der Anschiebetisch schließt plan mit der Maschine ab. Das ist an anderen Janome Maschinen, z.B. der o.g. Janome Horizon MC 8900 QCP nicht der Fall.

Der optische Vergleich Janome MC 6600P gegen Janome MC 6700P

Wie man auf dem Bild  sehen kann, sind sich die Maschinen einerseits sehr ähnlich, doch andererseits unterscheiden sie sich sichtbar. Beide Maschinen sind ungefähr gleich schwer, die neue ist etwas größer und hat einen etwas größeren Durchlass. Die Bedienelemente der Janome MC 6700P sind moderner gestaltet. Doch gaaaaanz subjektiv betrachtet gefallen mir die Knöpfe an der 6600P allerdings mehr. Aber wie gesagt - das ist ganz subjektiv. Von der Haptik und der Bedienbarkeit gibt es keine Unterschiede.

Wie man auf meinen Fotos auch sehen kann, sind die Knöpfe für Start/Stopp, Vernähen, Nadelabsenken, Vor und Zurück jetzt höher an der Maschine angebracht. Ich habe mir noch keine klare Meinung gebildet, oder ich das gut oder schlecht finde. Momentan sagt mir die Positionierung an der alten Maschinen mehr zu. Aber vielleicht ist das nur Gewöhnungssache. Ich werde auf jeden Fall in meinem nächsten Testbericht nochmal darauf eingehen.

Inbetriebnahme

Ich habe versucht, bei der Inbetriebnahme so selten wie möglich in die Gebrauchsanweisung zu schauen. Denn das macht für mich gute Geräte und Maschinen aus - wenn man sie intuitiv bedienen kann. Und die Janome MC6700P ist eine gute Maschine - ich musste nur beim Fadeneinfädler im Handbuch nachschlagen. Für den Rest reichte der clevere Näherinnen-Verstand. Wenn man seine Funktionsweise einmal verstanden hat, dann ist der Fadeneinfädler durchaus genial, siehe Bild 8. Aber man muss ihn erst mal verstehen.

Bei späteren Quiltarbeiten habe ich festgestellt, dass er Schwierigkeiten mit dickerem Garn (Quiltgarn) hat. Da brauchte es drei Versuche oder manchmal traditionelles Handeinfädeln.

Der Anschluss für das Stromkabel und das Fusspedal war bei der Janome 6600P besser gelöst. Denn dort sind die Anschlüsse nebeneinander angebracht . Bei der 6700P stehen sie übereinander, was ein klein wenig Kabelwirrwarr bewirkt. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau und hat keinen Einfluss auf die Funktionalität.

Das Fusspedal der Janome 6700P ist wesentlich größer als das des Vorgängermodells. Das empfinde ich als sehr angenehm, wenn es auch nicht “kriegsentscheidend” ist.
Das Stromkabel ist im Inneren des Pedals aufgerollt, man muss eine Abdeckplatte lösen um das Kabel zu entnehmen. Das fand ich beim Vorgängermodell cleverer gelöst - da ist so ein automatischer “Aufzug” enthalten wie man es von Staubsaugern oder Föns kennt, die das Kabel bei leichtem Zug automatisch aufrollen. Aber das braucht man im Alltag meiner Erfahrung nach nicht so oft, deshalb keine Plus- oder Minuspunkte.

Sowohl die Janome 6600P als auch die 6700P bieten eine große Anzahl von Stichen. Die sind auf einer Plastikplatte aufgedruckt, die man hinten an der Maschine anbringt, damit man sie jederzeit gut im Blick hat und nicht erst umständlich in einem Benutzerhandbuch rumkramen muss.

An der alten Janome hatte mich etwas gestört, dass man erst umständlich diese “Stichübersichtsplatte” dem Schraubenzieher abschrauben musste, wenn man mit der Maschine unterwegs sein wollte.

Stichwort Schraubenzieher: Eine Verschlechterung sehe ich beim Nadelwechsel an der Janome MC 6700 P. Dafür braucht man einen Schraubenzieher! Das ist wirklich unpraktisch, zumindest für mich. Sicher, für den Nadelwechsel reicht der kleine Schraubenzieher aus dem - nicht so kleinen - Zubehörkasten, dennoch empfinde ich das als umständlich. Zumal das Fixieren der Nadel mit der Hand an der Janome 6600P zumindest meiner Erfahrung nach völlig problemlos war.

Nach dieser negativen Anmerkung jetzt eine positive: Die Beleuchtung der Arbeitsfläche im Durchlass ist gigantisch gut!!!! Fünf LED-Leuchten  beleuchten die Arbeitsfläche sehr, sehr gut. Das ist eine extreme Verbesserung zum Vorgängermodell. Großes Lob meinerseits an den Hersteller!

Der einzig echte Nachteil, den ich bislang entdeckt habe - und den auch das Vorgängermodell schon hatte - ist der fehlende Freiarm. Kleidung oder kleinere Gegenstände zu nähen ist also mit etwas “Fummelei” verbunden. Ich werde demnächst mal eine Jeans ausbessern, die im Schritt zwischen den Beinen “durchgeschubbert” ist. Mal sehen wie das funktioniert, ich werde berichten.

Lautstärke

Die Maschine arbeitet leise und gleichmäßig, und ist damit absolut “mietwohnungstauglich”. Ich erkenne in der Lautstärke keinen Unterschied zum Vorgängermodell. Nur bei einigen Zierstichen gibt es ein schräges, nicht allzu lautes, schnarrendes Geräusch. Ich habe noch nicht rausgefunden, woran das liegt oder ob das nur bei ausgewählten Stichen der Fall ist. Vielleicht finde ich das im weiteren Verlauf des Tests noch heraus. Im Vergleich zum Vorgängermodell ist das Geräusch der Janome MC 6700 P irgendwie “digitaler” und nicht mehr so mechanisch. Mich persönlich stört es nicht, auch wenn ich das mechanische Geräusch irgendwie schöner, nostalgischer empfinde.

Erste Nähversuche

Wie eingangs erläutert, quilte ich hauptsächlich. Und das auch in inch. Also habe ich für meine ersten Nähversuche den inch-Fuss herausgesucht und mit dem passenden Stich #083 einige Blöcke genäht. Wunderbar, keine Probleme. Siehe Fotos anbei. Bei meinen ersten Nähversuchen habe ich die Maschine noch nicht sehr gefordert. Das kommt noch… siehe “nächste Projekte”.

In der letzten Zeit habe ich Nähversuche mit Leder gestartet. Mit der Janome 6600P mit eher mittelmäßigem Erfolg, mit der Janome Horizon MC 8900 QCP mit katastrophalen Ergebnis. Da ging gar nix, kein Teststück überlebte den Versuch! Deswegen hatte ich jetzt mit der Testmaschine Janome 6700 P keine großen Erwartungen - und wurde angenehm überrascht: Ohne spezielle Ledernadel oder -garne, nur mit leicht reduziertem Füßchendruck gab es sofort anständige Nähte!  Wow, das gibt ganz viele Pluspunkte für die Maschine!

Ich habe auch wahllos die Zierstiche auf Vlies ausprobiert. Alles ging problemlos, man sollte allerding den Füßchendruck genau nach Vorgabe der Maschine im Display einstellen und kräftiges Garn wählen. Sonst ist das Ergebnis eher mittelmäßig.
Rückseite
Vorderseite

Bedienung

Wie eingangs schon erwähnt, versuche ich immer, so wenig wie möglich die Bedienungsanleitung zurate zu ziehen. Eine Maschine sollte sich - meiner Meinung nach - intuitiv bedienen lassen. Und nur bei den Details sollte man ins Handbuch schauen müssen. Bei der Janome trifft das meiner Meinung nach für eine erfahrene Näherin hundertprozentig zu. Sobald man den Einschaltknopf gefunden hat, kann man loslegen.

Die Bedienungsanleitung (in mehreren Sprachen der Maschine beiliegend) selbst ist meines Erachtens sehr gut strukturiert und sehr verständlich geschrieben. Von meiner Seite aus gibt es dafür viel Lob und Pluspunkte.

Erster allgemeiner Eindruck

Der erste Eindruck meinerseits von der Janome MC 6700 P ist durchweg positiv. Solide und hochwertig verarbeitete Maschine, clevere Features, verspricht viel “Kraft” (die die Maschine nach Aussagen des Herstellers dank eines besseren Motors hat und die ich für meine großen Quilts brauche), keine wirklichen Verschlechterungen gegenüber dem Vorgängermodell.

Wichtiger Hinweis für “Umsteigerinnen” vom Vorgängermodell auf das neue: Die Füßchen der alten Maschine passen leider nicht auf die neue. Denn nicht nur die Stichbreite ist nun 9 statt 7 mm breiter, sondern auch der Steg, mit dem die Füßchen an der Maschine befestigt werden, ist breiter (siehe Foto, links Füßchen des alten Modells, rechts dass des neuen Modells).

Das kein schwerwiegender Makel, sollte nur von denjenigen bedacht werden, die sich eventuell für die alte Maschine Spezialfüßchen nachträglich angeschafft haben, die nicht zur üppigen Grundausstattung gehören.

Die nächsten Projekte

Einen Bettquilt quilten

Ich will meiner Cousine einen 1,50 x 1,80 m großen Quilt zum 40. Geburtstag schenken. Genäht ist er schon, jetzt muss er gequiltet werden. Geplant ist ein Standard-Baumwoll-Vlies von Freudenberg. Das ist das nächste Testprojekt.

Ein richtiges Leder-Projekt

Wie bereits erwähnt, habe ich in letzter Zeit Interesse an Täschchen und Hüllen aus Leder entwickelt. Bislang konnte ich meine Ideen diesbezüglich nicht umsetzen, da meine Maschinen nicht mitgespielt haben. Mit der Testmaschine sehe ich jetzt meine Chance!

Jeanshose ausbessern

Viele Frauen kennen das Problem, dass sich Jeanshosen schnell an den Innenseiten der Oberschenkel kaputt reiben. Der Rest der Hose ist i.O., sieht nahezu neu aus. Nur eben die Innenseiten sind dünn gerieben oder gar kaputt. Um das auszubessern, bräuchte man eigentlich einen Freiarm, den die Janome MC 6700 P nicht hat. Mal sehen, wie aufwändig es ist, die Hose auch ohne Freiarm auszubessern.

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