Testoffensive: Janome MC 6700P – Abschlussbericht von Ulrike Reich

Vor fast zwei Monaten habe ich meinen ersten Testbericht für die Janome Memory Craft 6700P (im Folgenden der Einfachheit halber immer “MC6700P” genannt) verfasst. Seitdem bin ich um einige Erfahrungen reicher - und zwar im positiven Sinne. Ich habe in den vergangenen Wochen eine Vielzahl von kleinen Täschchen, Tischläufern und größeren Taschen genäht, ein Tuch und eine Jeans repariert, einen großen Bettquilt gequiltet und mich an einem Lederprojekt versucht. Und zwischendurch jede Menge Blöcke für verschiedene Quiltprojekte genäht. Ich kann nicht anders, bin nun mal Quilterin mit Leib und Seele.

Nur nochmal zur Erinnerung und zur richtigen Einschätzung meines Maschinentests: Ich besitze seit 2006 eine Janome Memory Craft 6600P (ebenfalls bei beim Nähpark Diermeier gekauft) und habe seitdem mehr als 100 Quilts, einige Taschen, Wandbehänge und kleinere Accessoires produziert. Ich teste die MC6700P also hauptsächlich im Vergleich zu ihrem Vorgängermodell, werde aber dennoch versuchen, sie neutral zu bewerten, als ob ich vorher nur eine “normale” Nähmaschine besessen hätte.

Rollsaum am feinen Gewebe

Ich trage im Sommer gern leichte Schals und Tücher, die ich mir einfach um den Hals hänge, damit der Schweiß nicht auf dem T-Shirt am Rücken unschöne Flecken bildet. Leider gibt es die Muster, die mir gefallen, meistens nur als “Loop-Schals”. Allerdings sehen Loop-Schals bei Frauen mit großem Busen (so wie bei mir) eher unvorteilhaft aus, weil sie auf dem Busen wie eine Sahnehaube liegen. Also muss aus dem Loop-Schal ein “normaler” Schal gemacht werden.

Bild 1

Das Auftrennen ist noch ein Kinderspiel. Doch danach muss das feine Gewebe ordentlich versäumt werden. Kein Kinderspiel. Normalerweise. Mit der Janome MC6700P schon: Einfach den Rollsaumfuß angeschnallt, das Gewebe eingefädelt, passenden Stich (man folge ganz einfach der Gebrauchsanleitung) ausgewählt und losgenäht (siehe Bild1).

Bild 2

Nach 5 Minuten war ich fertig. Ohne Nervenzusammenbruch, ohne Mehrfachversuche oder hässliche Nähte. Das Ergebnis ist genau so wie es sein soll, siehe Bild 2. An dieser Stelle nochmal ein ausdrückliches Lob an die Gebrauchsanleitung: Man findet seine Themen ratzfatz, alles ist einfach und verständlich beschrieben.

Eine Jeans ausbessern

Welche etwas kräftigere Frau kennt das nicht - eigentlich ist die Lieblingsjeans perfekt, sitzt wie angegossen und sieht noch wie neu aus. Doch an den Innenseiten der Oberschenkel ist der Stoff total “durchgeschubbert”, dünn und hell. Vielleicht sogar schon mit Rissen durchzogen.

Die Industrie weiß Rat und verkauft kleine aufbügelbare Jeansflicken, die man nur noch mit Zickzack-Stich festnähen muss. Problem: In der Regel findet man keine Jeansflicken, die auch nur ansatzweise ähnlich der Farbe der Jeans sind. D.h. Sie fallen i-m-m-e-r auf. Und wer hat schon gerne die Blicke von Fremden auf seinen Oberschenkel.

Doch es geht auch anders: Die Flicken innen festbügeln und nur mit Grad- oder Kringelstich entsprechend der Maserung des Stoffs darüber nähen. Hält perfekt und fällt nicht auf.

Einzige Herausforderung: Die MC6700P hat keinen Freiarm. D.h. man kann das zu reparierende Hosenbein nicht einfach über den Nähtisch ziehen. Man muss also seinen Nähbereich ein wenig “herrichten”, d.h. den Bereich, auf dem man näht möglichst glattziehen, den Rest drumherum drapieren, so dass man den Stoff ohne Ziehen vernähen kann. Das kostet ein bisschen Zeit, ist die Mühe aber wert.

Das Aufbügeln der Flicken war problemlos, schnell eine Jeans-Nadel in die Maschine eingeschraubt und farblich passendes Garn eingefädelt und schon geht es los. Ich habe verschiedene Stiche ausprobiert, die möglichst unauffällig in die Struktur der Jeans “einblenden”. Das Ergebnis ist zufriedenstellend. Der Flicken sitzt fest und von außen sieht niemand die Reparatur. Und das völlig ohne Freiarm.

Der dicke Jeansstoff war keine Herausforderung für die Maschine, neben der Jeansnadel wirkte hier auch der kräftige Motor und der Untertransport Wunder.

Quilten eines großen Bettquilts (ca. 150x180cm)

Meine Cousine hatte sich zum 40. Geburtstag einen Quilt gewünscht. Genäht war er flott an zwei Wochenenden, jetzt musste er noch gequiltet werden. Und zwar mit der Maschine, denn für das Handquilten fehlte einfach die Zeit.

Für dieses Projekt war die MC6700P natürlich optimal, der sehr große Durchlass von 255 x 120 Millimeter machte das Quilten zum Vergnügen. Sicher, man muss den Quilt ein bisschen “strategisch” aufrollen, damit man den Stoff ohne ziehen und würgen quilten kann. Aber mit ein bisschen Übung ist das keine Herausforderung mehr. Auch der neue, starke Motor der Maschine hat mir geholfen, denn dadurch die etwas dickeren Stellen mit den Nahtzugaben ist die Nadel klaglos durch den Stoff gegangen.

Zunächst habe ich in der Nähten der einzelnen Blöcke (“in-the-ditch”) gequiltet, um dem Quilt ein wenig Struktur zu geben. Für diese einfachen, geraden Linien habe ich den Doppeltransportfuß  verwendet. Dadurch wird verhindert, dass sich die verschiedenen Stofflagen (Quilttop, Vlies, Rückseite) gegenseitig verschieben.

Bei den kürzeren Linien mit vielen Richtungswechseln habe ich mich für einen der Freihandfüsse  entschieden und zwar für den Zick-Zack-Freihandquiltfuß.

Denn mit dem bin ich problemlos über die Nähte “gerutscht”, während ich an der gleichen Stelle mit dem Stopffuß oder den anderen Freihandnähfüssen hängen geblieben bin. Mit diesen Füssen hatte ich bislang mit meiner alten Maschine gequiltet, was auch gut funktioniert hat. Aber mit dem Zick-Zack-Freihandquiltfuss ging es viel besser. 

Nach einem langen und schönen Quiltwochenende war das Schmuckstück dann fertig. Das Binding benötigte dann nur noch zwei Abende entspanntes Nähen mit der Hand. 14 Tage später wurde es der Empfängerin übergeben, die sich riesig gefreut hat.

Leder nähen

Ich bin ein Freund der derzeit angesagten “Traveler’s Notebooks” (Go google!) und nähe auch gerne kleine Taschen aus Leder für Kleinzeugs, Nähzubehör und Stifte. Bislang war das immer eine tierische Fummelei und mehrere Anläufe und Fehlproduktionen. Denn entweder blieb die Nadel im Leder stecken, ließ Stiche aus, verschoben sich die Teile untereinander oder der Unterfaden verknotete sich hässlich. Nicht so mit der MC6700P.

Zunächst habe ich ein Lederstück auf die passende Größe + 5 Prozent zugeschnitten, Vliesofix aufgebügelt (unten) und dann auf die Rückseite Snappap aufgebügelt. (oben).

Dann etwas stärkeres Garn eingefädelt, eine Leder-Nähnadel eingeschraubt und ein bisschen mit der Fadenspannung experimentiert. Man muss hier ein wenig ausprobieren, es gibt keine allgemeingültigen Vorgaben bei solchen Materialien. Wichtig: Auch für Leder ist der Doppeltransportfuß ein Erfolgsfaktor: Die Teile verrutschen nicht und der Untertransport hinterlässt keine hässlichen Kratzer auf dem Leder.

“Probieren über Studieren” gilt für die Sticheinstellungen. Sicher, ein Geradstich sollte es sein. Doch die beste Stichlänge lässt sich nur über Probieren herausfinden. Aber dank des großen Displays ist das keine echte Herausforderung. Die Bedienoberfläche ist so logisch, ich glaube, ich hätte das auch mit chinesischer Spracheinstellung hinbekommen.

Und dann meine ersten Nähversuche (links Vorderseite und rechts Rückseite). Ich war begeistert! Kein Verknoten der Fäden, kein Verschieben der Materialien. Genauso habe ich es immer gewollt.

Als alles passte, ging es ran an das echte Lederstück:

 Jetzt noch den Rand rechts der Naht etwas eingekürzt (deshalb die 5 Prozent Zugabe bei der Größe des Ausgangsstücks), und die Ecken abgerundet und die notwendigen Gummibänder angebracht. Und schon ist das gute Stück fertig, Sieht aus wie gekauft, oder?

Tasche nähen & Buchstaben und Zahlen sticken

Natürlich habe ich eine Tasche genäht, ich habe ja erst ca. 30 selbstgenähte Taschen in meinem Besitz. Die Außenseite wurde “gepacht”, mit aufbügelbarem Vlies gequilted, mit einer Innentaschen mit mehreren Einstecktaschen, einer Knopflasche (damit spart man sich das nervige Knopfloch) und einem lange Gurt versehen, mit dem man die Tasche auch quer über den Körper tragen kann. 

Das Muster habe ich im Internet gefunden. Das Top und das Vlies wurden mit Zierstichen verbunden. Und davon gibt es reichlich bei der MC6700P.

Für Näherinnen und Quilterinnen sind die 200 Stiche mehr als ausreichend. Ich habe versucht, alle auf einem Stoffstück auszuprobieren - ich habe zwischendurch aufgehört, es waren einfach zu viele Stiche.

Grundsätzlich ist die Stichauswahl kinderleicht, dank der intuitiven Displayoberfläche und der tollen Gebrauchsanleitung.

Man kann mit der MC6700P auch Buchstaben und Zahlen sticken, was ich für meine Quiltlabels oft brauche. Allerdings bin ich da mit dem Ergebnis noch nicht ganz zufrieden: Zum einen verrutschte der Stoff ständig, so dass die Zeilen schief wurden oder ich hatte bei Zeilen mit mehreren Wörtern auf einmal doppelte Anfangsbuchstaben. Woran das lag, habe ich nicht rausgefunden. Kann auch ein Bedienfehler meinerseits gewesen sein.

Allgemeines Fazit

Ich habe die Maschine jetzt fast 8 Wochen intensiv für eine Vielzahl von Projekten getestet. Zusammenfassendes Fazit: Die Janome MC6700 P ist eine herausragende Nähmaschine für Quilter! Hier hat Ingenieurkunst Technik ideal auf die Bedürfnisse der Zielgruppe angepasst. Das Ergebnis ist eine ausgezeichnete Maschine mit wahrscheinlich sehr langer Lebensdauer.

Pro
  • Man kann mit der Janome MC6700 P sehr viel und sehr schnell nähen, und dennoch ist alles sehr exakt. Der neue Antriebsmotor ist eine spürbare Verbesserung zum Vorgängermodells, obwohl der schon erstklassig war.
  • hohe Laufruhe: Der Stoff “springt” nicht in der Maschine, man hat alles stets unter Kontrolle.
  • riesiger Durchlass: Dank des 25,5 cm großen Durchlass kann man auch sehr große Quilts problemlos quilten. Der bislang größte Quilt, den ich auf der Maschine geschafft habe, war 2x3,80m groß.
  • Die Maschine ist solide und sauber verarbeitet. Da wackelt nix, die Spalten sind fein und geradlinig, das Aussehen ist erstklassig.
  • Stichplattenwechsel: Einfach und schnell per Knopfdruck. Meiner Meinung nach eine der besten Verbesserungen zum Vorgängermodell! Kein umständliches Schrauben mehr. Und dadurch auch schnelle und regelmäßige Reinigung möglich.
  • 3 Stichplatten: Das ist schon Luxus, die HP Profistichplatte hilft bei schnellem, geraden Nähe. Man arbeitet wie an einer Industrienähmaschine. Das gibt es nicht bei vielen Maschinen.
  • Zubehör: Extrem umfangreich. Ich glaube nicht, dass irgendjemand das alles mal braucht, bzw. sich etwas zukaufen muss. Der Anschiebetisch war bei mir dauerhaft an der Maschine, weil er eine wunderbare Arbeitsfläche bietet.
  • Beleuchtung: Die LED-Lampen in der Nähmaschine sind der Hammer! Eigentlich kann ich jetzt auf meine teurer Tageslichtlampe am Nähtisch verzichten. Im Ernst: Der Nähbereich ist stets sehr gut ausgeleuchtet, man sieht jeden Stich und jede Faser, ohne dass die Augen ermüden oder der Kopf schmerzt.
  • Gebrauchsanleitung: Da ich selber redaktionell arbeite, weiß ich, wie schwer es ist, eine leicht verständliche Gebrauchsanleitung zu schreiben. Deshalb meine Hochachtung für die Anleitung der MC6700P! Das ist wirklich gelungen. Wenn ich beim Testen Probleme hatte (es waren nur ganz wenige), habe ich immer eine Antwort in der Gebrauchsanleitung gefunden.
Contra
  • Ein wenig unentschlossen bin ich beim Fadeneinfädler. Vielleicht habe ich ja nur ein Montagsmodell erwischt. Doch der Einfädler an meiner alten Maschine, der Janome MC6600P, hat zuverlässiger gearbeitet. Bei dem Testmodell habe ich insbesondere bei etwas dickerem Garn mehrere Anläufe gebraucht, bevor der Faden in der Nadel war.
  • Die Position der Bedienknöpfe (Abschneiden, Start/Stopp, Vernähen etc.pp.): Die waren am Vorgängermodell tiefer angebracht, so dass man sie mit dem Daumen bedienen konnte, während die Finger noch den Stoff in der Maschine festhielten. Bei der MC6700P sind sie spürbar weiter höher gerutscht, so dass auch große Hände die Entfernung zwischen Stoff und Knöpfe nicht mehr überbrücken können. Sicher, man kann umlernen und sich an die neue Position gewöhnen, doch von der Logik her haben die Knöpfe in der unteren Position mehr Sinn gemacht.
  • Das Gewicht: Eigentlich ist das kein wirkliches Contra. Ich führe es hier nur auf, weil es für die eine oder andere Anwenderin eventuell wichtig ist. Ja, mit 11 Kilogramm ist die Maschine sehr schwer. Doch das Gewicht ist insbesondere für das Quilten von unschlagbarem Vorteil, denn dadurch bleibt die Maschine ruhig auf dem Tisch stehen. Wer eine Maschine für Workshop-Besuche sucht und nicht schwer heben kann, der sollte sich nicht für diese Maschine entscheiden.
  • Eine etwas überraschende “Verschlechterung” zum Vorgängermodell: Die Platte mit der verfügbaren Stichübersicht. Im 1. Testbericht hatte mir die Platte und ihre Anbringung und die Möglichkeit des “Versenkens” noch gut gefallen. Doch bei den weiteren Projekten habe ich festgestellt, dass die Platte in der “versenkten” Position wirklich hinderlich ist. Sie hält das Licht von hinten ab und wenn man Quilten will, steht die Platte im Weg. D.h. man muss sie rausziehen und irgendwo hinlegen - wo sie eventuell kaputt oder verloren geht. Beim Vorgängermodell war das besser: Da ist die Platte mit der Stichübersicht schmaler und “versteckt” sich sauber hinter dem Maschinenarm. Ähnlich wie bei den o.g. Bedienknöpfen und ihre Position ist das eine unlogische Verschlechterung der Bedienungsfreundlichkeit.
  • Der Preis: Im Fall der Janome 6700 P gilt “Qualität hat ihren Preis”. Ja, die Maschine ist teuer. Doch sie ist meiner Meinung nach jeden Euro wert, denn man kauft Qualität und Zuverlässigkeit.
Kaufempfehlung - ja oder nein?

"Nein"

All diejenigen, die ausschließlich Nähen oder Sticken oder insbesondere kleinteilige Dingen nähen, für die ist die MC6700 zu viel des Guten. Sie ist zu groß, zu schwer, zu teuer für die Anwendungszwecke. Da gibt es für die Hälfte des Geldes schon sehr gute Maschinen. 

"Eventuell" 

Für die Quilterinnen, die das Budget für diese MC6700P nicht aufbringen können, ist der Preis eventuell ein “Kaufverhinderungsgrund”. Für diese Zielgruppe ist das Vorgängermodell eine gute Alternative. Denn sie bietet ähnlich sehr gute Möglichkeiten wie die MC6700P, ist jedoch - seitdem das neue Modell im Markt ist - etwas billiger oder im Second-Hand-Bereich für kleines Geld zu haben. Da sollte man dann zuschlagen. Man erhält zwar ein älteres Modell mit fast genauso guten Eigenschaften, aber eben für kleineres Budget.

"Ja" 

Für alle Quilterinnen, die viel Nähen und Quilten und insbesondere große Quilts mit der Maschine quilten, ist die Janome MC6700P die perfekte Maschine. Aufgrund der hohen Material- und Verarbeitungsqualität wird die Maschine bei guter Pflege viele Jahre (und viele Quilts) lang ihren Dienst tun. Man kauft also etwas Zukunftstaugliches. Die MC6700P ist außerdem vielfältig einsetzbar aufgrund der ausgeklügelten Details. Damit kann man so gut wie alle Projekte umsetzen!

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