Geradstich

Warum ist der Geradstich nicht gerade?

Von Weitem betrachtet sind die meisten Geradstichnähte gerade (wenn man geradeaus nähen kann). Aber wenn man nahe ran geht, sieht man immer wieder Nähte mit leichtem Schrägstand der einzelnen Stiche. Mal ist der Schrägstand gleichmäßig, mal versetzt und schief.

Woran liegt das? Kann man das verhindern?

Zuerst mal muss man bei leichtem Schrägstand abklären, ob es an einer falschen Einstellung liegt oder ob er in der Konstruktion der Nähmaschine begründet ist. Dies heißt nicht, dass diese fehlerhaft ist. Je nach Bauart findet die Verbindung von Oberfaden und Unterfaden etwas anders statt und wirkt sich auch auf das Stichbild aus. Je dünner der Stoff, desto schneller wird das sichtbar.

Fällt Ihnen ein versetzter Geradstich auf, überprüfen Sie bitte folgende Punkte. Denn in den meisten Fällen ist die Ursache eine falsche Stoff-Nadel-Garn-Kombination.

Der Stoff

Je dünner ein Stoff ist, desto mehr wirkt sich der eingebrachte Faden auf ihn aus. Besonders auf nur einer Lage Stoff sieht der Stich oft nicht aus wie gewohnt. Mit einer Lage Vlies erhöhen Sie die Dicke und das Stichbild verändert sich. Allerdings müssen Sie bedenken, dass das Vlies dann im Projekt verbleiben muss. Reißen Sie es ab (oder waschen es aus), fehlt der Naht Volumen und sie wird nicht mehr gut aussehen.

Je gröber ein Stoff ist, desto schneller sieht die Naht unruhig aus. Es ist wie bei einem Raster. Je gröber das Raster, desto höher die Verschiebung, wenn Sie auch nur eine Reihe daneben landen.

Werden jetzt auch noch zwei Lagen aufeinander genäht, verdoppelt sich die Chance, dass die Verschlingung abgedrängt wird.

Das Garn

Beim Garn kommt es nicht nur auf die Qualität an, sondern auch auf das Verhältnis von Ober- zu Unterfaden. Am besten verwenden Sie immer exakt das gleiche Garn für beide Seiten. Zudem sollte es gleichmäßig ablaufen, also keine Knötchen aufweisen.

Die Nadel

Die verwendete Nadel sollte natürlich zum Projekt passen. Dazu sollten Sie sie regelmäßig wechseln. Denn eine stumpfe Spitze wird ebenfalls schnell abgelenkt und der Stich wird schief. Das gilt auch für den Fall, dass Sie Webware mit einer Nadel für Jersey oder andere Stretchstoffe arbeiten. Die Kugelspitze wird dann noch schneller abgedrängt.

Die Stoff-Garn-Nadel-Kombination

Passt eine dieser drei Komponenten nicht, kann beim Nähen des Geradstichs ein Versatz entstehen. Die Stärke der Nadel sollte zum Stoff und zum Garn passen, weder zu dick, noch zu dünn. Auch das Öhr muss zu Garn und Stoff passen. Für stärkere Garne brauchen Sie auch ein größeres Öhr. Wird die Nadelstärke höher, wird zwar auch das Öhr größer, aber dann kann die Dicke der Nadel schon wieder zu viel für den Stoff sein.

Zu Orientierung haben wir hier ein paar Beispielnähte für Sie gemacht. Wir haben einen Stoff gefunden, der zwar dünn, aber trotzdem fest ist und auf jedem jede Ablenkung sofort zu erkennen ist. 

Diese drei Nähte sind mit einer HUSQVARNA VIKING Opal 690Q auf mittlerer Baumwollwebware mit MADEIRA Aerofil genäht. Oben Universalnadel in 70, Mitte in 80 und unten in Stärke 100. Stichlänge 3.

Hier wurde stattdessen mit der BERNINA B790 Plus genäht, alles andere blieb gleich.

Verwendet man statt normalem Nähgarn MADEIRA Aerofil 35, entsteht ein anderes Bild. Oben Nadelstärke 90, unten 70. Genäht auf gröberem Leinen mit der Opal.

Der Stoff ist so grob, dass man kaum neben einen Faden sticht. Trotzdem ist die Naht unruhig, weil das Öhr zu klein für das dicke Garn ist und die Fadenspannung nicht gleichmäßig bleibt.

Und zum Vergleich mit der B790. Hier erzeugt die dünnere Nadel das bessere Stichbild. Da man aber schon regelrecht hören kann, wie das Garn im Öhr bremst, wäre hier in Test mit einer Topstitchnadel angebracht. Diese hat bei gleicher Nadelstärke das größere Öhr.

Das dickere Garn dann auf dem normalen Baumwollstoff. Oben Nadelstärke 80, unten 90. Bild eins genäht mit der Opal, Bild 2 mit der B790.

Sie sehen also, manchmal geht es nur um eine Kleinigkeit, wenn der Geradstich plötzlich schräg steht. Mal liegt es an der Maschine, mal an der Nadel, mal am Stoff.

Um festzustellen, wie Ihre Maschine grundsätzlich näht, machen Sie einen Test auf Papier.

Das dünne Papier zeigt hier oft den Schrägstand am besten, da es dem Garn kaum Widerstand bietet. Da es keine Fadenstruktur hat, findet keine ungewollte Ablenkung statt. Es ist gut zu erkennen, dass die Einstichlöcher der Nadel eine gerade Linie bilden und nur das Garn schräg dazwischen steht. Denn die Verschlingung von Ober- und Unterfaden braucht ja auch noch Platz. Das Garn geht dann immer den Weg des geringsten Widerstands.

Je dünner das Material, desto leichter verschiebt sich der Knotenpunkt nach unten und erzeugt die Schräglage.

Da diese Nähte beide auf die gleiche Weise genäht wurden, kommen wir gleich zum nächsten ausschlaggebenden Punkt:

Schiefer Geradstich bedingt durch die Konstruktion

Unter den Nähmaschinen gibt es Spezialisten (auch für den Geradstich) und Maschinen, die ein weites Spektrum an Möglichkeiten bieten. Aber je mehr eine Nähmaschine kann, desto schneller entstehen Schwachpunkte in bestimmten Bereichen. Leider ist das genau bei der meistgenutzten Naht der Fall, dem Geradstich. Besonders Nähmaschinen mit hoher Stichbreite und Geschwindigkeit erzeugen schnell einen leichten Schrägstand.

Hier sehen sie den Geradstich in zwei Varianten. Gleicher Stoff, gleiches Garn und Nadel, mit der gleichen Maschine. Wo liegt der Unterschied? Eine Naht ist in der mittleren Position genäht, eine ganz links.

Der Geradstich kann also schon anders aussehen, wenn man ihn in der Mitte oder links näht. Dazu kommen dann noch die verschiedenen Greiferkonstruktionen.

Hier nochmals das Bild von oben.

Oben sehen Sie die Naht der BERNINA, unten die Naht der HUSQVARNA VIKING. Der Schrägstand geht dabei in die entgegengesetzte Richtung. Dies kommt durch die unterschiedlichen Greiferkonstruktionen. Bei BERNINA steht die Spule, bei HUSQVARNA VIKING liegt sie. Die Verschlingung von Ober- und Unterfaden findet an unterschiedlichen Stellen statt.

Der leichte Schrägstand ist also, solange er gleichmäßig ist, nicht immer komplett zu vermeiden. Je nach Stoff wird er mehr oder weniger auffallen. Hierbei werden Sie die größten Unterschiede bei Webware feststellen. Bei Wirkwaren wie Jersey oder Sweat wird der Geradstich meist besser (aber nur quer zum Fadenlauf), bei Materialien ohne Struktur (Kunstleder, Leder) sieht er in der Regel am besten aus.

Vor allem beim Absteppen wünscht man sich ein gutes Stichbild, also lohnt es sich hier auf jeden Fall, mit der eigenen Maschine mal in Ruhe durch zu testen, wie sich das Verhältnis von Nadel, Garn und Stoff zueinander bemerkbar macht.

Hilft eine Geradstichplatte?

Gegen den gleichmäßigen, leichten Schrägstand nicht. Die Geradstichplatte optimiert das Stichbild beim Sticken. Beim Nähen verhindert sie das Hineinschieben des Stoffes in das Stichloch und verbessert somit den Transport. Bei Modellen mit dem Geradstichloch links und dem passenden, speziellen Fuß kann sich die Verwendung aber auf das Stichbild auswirken.

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Eine Antwort auf „Warum ist der Geradstich nicht gerade?“

Vielen Dank für die Info.
Ich bin manchmal am verzweifeln mit meiner QE720 alles funktioniert so dass ich mir schon lange sicher bin dass die Maschine in Ordnung ist aber der Geradstich genügt nicht meinen Anspruch. Natürlich habe ich auch viel rumprobiert (sogar die mitgelieferten Schrottnadeln probiert) aber es bleibt ein Kompromiss bei dieser Maschine.
Nie wieder eine mit 9mm!
Nächstes Jahr schau ich dass ich sie loswerde so toll die Zierstiche und all die Möglichkeiten die man mir ihr hat auch sind.

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